Insektensterben auch bei uns in der Region?
Die FUN-Fläche „Kleiwiesen“ soll Antworten liefern.
Seit 2023 liefert die Technische Universität Braunschweig Daten für eine bundesweite Langzeitstudie zum Insektensterben. Dafür wird die Fläche „Kleiwiesen“ nordwestlich von Hondelage genutzt, wo auch Wasserbüffel und Schottische Hochlandrinder des FUN die Wiesen beweiden. Zusätzlich führen Studierende eigene Erhebungen durch.
Ausgangspunkt war eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld (2013). Sie zeigte, dass die Biomasse an Fluginsekten in Schutzgebieten innerhalb von 30 Jahren um mehr als 75 % zurückgegangen ist – ein Befund, der weltweit für Aufsehen sorgte und politische Schutzmaßnahmen anstieß.
Doch gilt dieser Rückgang überall und was ist die Ursache?
Um das zu klären, werden im Rahmen eines bundesweiten Projekts, an dem unter anderem das Helmholtz Zentrum für Umweltforschung und das Senckenberg Forschungsinstitut beteiligt sind, seit 2019 rund 40 Standorten in Deutschland in standardisierter Weise beprobt. Spezielle zeltartige Fallen – sogenannte Malaisefallen – leiten Fluginsekten nach oben in ein Gefäß mit Alkohol, wo sie konserviert und später im Labor untersucht werden. Anhand der Ergebnisse lassen sich regionale Unterschiede im Insektenvorkommen erfassen und vergleichen.
Die Proben aus den Malaise-Fallen werden im Labor der Universität Duisburg-Essen von der Arbeitsgruppe um Prof. Florian Leese untersucht. Statt jede Art einzeln zu bestimmen, nutzen die Forschenden eine moderne Methode: DNA-Metabarcoding. Dabei wird ein kurzer, artspezifischer Abschnitt des Erbguts analysiert, der wie ein Strichcode funktioniert: mit ihm lassen sich Arten schnell und zuverlässig bestimmen – und wenn die Sequenz deutlich von allem Bekannten abweicht, kann das sogar auf eine bislang unentdeckte Art hinweisen.
Die ersten Ergebnisse sind beeindruckend: In den über 1.800 Probenbehältern – darunter auch 14 aus den Kleiwiesen – konnten rund 32.000 der insgesamt 35.000 bekannten Insektenarten Deutschlands nachgewiesen werden. Zudem deuten die genetischen Befunde auf potenziell 8.000 bisher unbekannte Arten hin.
Das zeigt, wie groß die Vielfalt der Insekten auch hierzulande ist. Zudem waren die Forschenden selbst überrascht, wie viele möglicherweise noch unbekannte Arten dabei ans Licht kamen – und damit wie wenig wir eigentlich über die Insektenwelt vor unserer Haustür wissen. Eine detaillierte Auswertung für die Kleiwiesen steht aber bislang noch aus.
Auch wenn moderne DNA-Methoden bereits viele Fluginsekten erfassen, bleibt unser Wissen über die vielen anderen Insektenarten und Tiergruppen aber oft lückenhaft. Um das zu ändern, beteiligen sich jedes Jahr Biologie-Erstsemester-Studierende der TU Braunschweig an Erhebungen in den „Kleiwiesen“. In kleinen Teams suchen sie gezielt Lebensräume auf – etwa Teiche für Libellen oder Wiesen für Heuschrecken.
Seit 2024 dokumentieren die Studierenden ihre Funde zusätzlich mit Handyfotos. Diese werden samt GPS-Daten auf der Online-Plattform iNaturalist hochgeladen – einer Citizen-Science-Datenbank mit inzwischen über 350 Millionen Einträgen weltweit. Expertinnen und Experten können die Bestimmungen dort überprüfen und die Daten für ihre Forschung nutzen. Für die „Kleiwiesen“ wurde ein eigenes Projekt eingerichtet, sodass sich Beobachtungen verschiedener Begehungen vergleichen lassen. Zwei Jahrgänge an Erstsemestern haben so schon mehr als 1.900 Funde hochgeladen und damit fast 400 Arten für die Fläche der „Kleiwiesen“ nachgewiesen – und das nur mit Hilfe des Handys – ein Ergebnis, das auch bei den Studierenden selbst auf großes Interesse und positive Resonanz gestoßen ist.
Mit über 3.700 Meldungen von über 150 iNaturalist-Nutzern wird die Fläche mittlerweile nicht nur von Studierende wegen ihrer Artenvielfalt aufgesucht. (Hier geht es zu einem Überblick aller iNaturalist-Meldungen auf den Kleiwiesen).
Nicht alle Arten lassen sich jedoch sicher anhand von Fotos erkennen – besonders winzige oder sehr ähnliche Arten bleiben oft unbestimmbar. Deshalb werden in solchen Fällen Proben genommen und genetisch untersucht. Mit Hilfe dieses Vorgehens konnten die Studierenden zwischen 2022 und 2025 bereits 561 Arten eindeutig nachweisen.
Unter den bisher in den „Kleiwiesen“ nachgewiesenen Insekten finden sich auch zahlreiche gefährdete Arten. Besonders bemerkenswert ist der Fund eines Kurzhornschröters (Aesalus scarabaeoides). Dieser Vertreter aus der Familie der Hirschkäfer ist nur noch in alten Laubwäldern zu finden und gilt deutschlandweit als vom Aussterben bedroht. Ebenso wurde der Sumpfgrashüpfer (Pseudochorthippus montanus) nachgewiesen – sogar mehrmals – eine Art, die in Deutschland stark zurückgeht, weil ihre Lebensräume, nasse Wiesen und Moore, immer seltener werden. Daneben tauchten weitere seltene Käfer, Wanzen, Schmetterlinge, Libellen und Heuschrecken auf – teils Arten, die in Niedersachsen seit Jahrzehnten nicht mehr dokumentiert wurden. Diese Funde zeigen, dass die Fläche nicht nur eine große Vielfalt, sondern auch sehr spezialisierte und bedrohte Arten beherbergt.
Neben der Erfassung spielt die Förderung der Artenvielfalt eine zentrale Rolle. Auf den „Kleiwiesen“ übernehmen Wasserbüffel und seit 2025 auch Hochlandrinder diese Aufgabe. Ihre Beweidung schafft ein buntes Mosaik aus offenen und bewachsenen Flächen, hält Teiche frei und bereichert Böden durch Trittstellen oder Dung. Von diesen Strukturen profitieren Arten wie der Kammmolch oder der Kurzflügelkäfer Emus hirtus, der im Dung der Rinder auf Jagd nach anderen Insekten geht.
Große Weidetiere wirken zwar zunächst wie ein Eingriff; grasende Großsäuger prägen aber seit Jahrmillionen unsere Landschaft. Viele Pflanzen- und Tierarten sind an diese abwechslungsreichen Lebensräume angepasst – Lebensräume, die heute oft fehlen und deren Verlust als einer der naheliegendsten Gründe für den Insektenrückgang gilt.
Noch braucht es einige Jahre, um vollständige Artenlisten erstellen zu können und damit klare Trends zu erfassen. Doch schon jetzt zeigt sich: Die Kombination aus bundesweitem Insektenmonitoring, studentischem Forschungsdrang und gezielter Landschaftspflege durch den FUN macht die „Kleiwiesen“ zu einem wichtigen Modellprojekt für den Schutz der Artenvielfalt in der Region.
Sven Gippner, Robin Schmidt, Jonas Höfling, Miguel Vences, Bernd Hoppe-Dominik